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Der Blau-Goldband des VDA zu den Besonderen Merkmalen (1. Auflage 2011) wird hier aus praktischer Sicht auf seine Vorteile und Nachteile konstruktiv besprochen.

VDA Band: Prozessbeschreibung Besondere Merkmale (BM) - 1. Auflage 2011

Der VDA Blau-Goldband ist beim VDA-QMC erschienen und dient in der 1. Auflage 2011 als Ausgangsbasis für Aktivitäten bezüglich Ermittlung, Festlegung, Verfolgung, Dokumentation und Archivierung von Besonderen Merkmalen. Diese sind in der gesamten Lieferkette zwischen Kunde und Lieferant zu vereinbaren. Durch den frühzeitigen Einsatz in der Entwicklung sind die Besonderen Merkmale wichtig, um robuste Konstruktionen und beherrschte Prozesse sicherzustellen. Der Band ist als Empfehlung zum praktischen Umgang mit Besonderen Merkmalen unter Einhaltung der normativen und gesetzlichen Rahmenbedingungen zu verstehen. Jörg Schacht ist der Autor der folgenden Besprechung der Veröffentlichung.

Als positive Punkte sind grundsätzlich hervorzuheben:

  • Es gibt jetzt einen Vorschlag für eine einheitliche Vorgehensweise.
  • Als gut umsetzbar empfunden wird die Differenzierung nach den drei Bereichen:• BM S (Besonderes Merkmal sicherheitsrelevant) (Special Characteristic related to safety)• BM Z (Besonderes Merkmal zertifizierungsrelevant) (Special Characteristic related to legal and regulatory requirements)• BM F (Besonderes Merkmal funktionsrelevant) (Special Characteristic related to functions and requirements)
  • Auch die zahlreichen Beispiele aus den unterschiedlichen Bereichen sind grundsätzlich gesehen sehr hilfreich.

Aber es gibt auch einige Kritikpunkte, die ich im Folgenden gerne ansprechen möchte:

  • Keine Definition von entsprechenden Schlüsselprozessparametern: Es wird zwar implizit von Prüfspezifikationen gesprochen, aber es werden keine entsprechenden Merkmale verwendet, wie sie zum Beispiel bei GM zum Einsatz kommen. Außerdem wird die Aussage getroffen, dass bei „konzeptionell abgesicherten“ BM keine Merkmale in der Produktion definiert werden müssen. Das halte ich für außerordentlich gefährlich. Wenn der Prozess so gut ist wie er erscheint, dann müsste die Festlegung eines Prozessmerkmals vollkommen problemlos möglich sein (Beispiel Radius in einer Spritzgussform: da sollte eine Überprüfung in relativ großen Abständen ausreichend sein!).
  • Doppelt vergebene Abkürzungen:Die englische Abkürzung „SC“ steht sowohl für „special characteristic“ als auch für „significant characteristic“ An dieser Stelle wäre sicherlich ein etwas anderes „wording“ (also eine eindeutigere Wortwahl) von Vorteil gewesen, um die Verwechslungsgefahr zu reduzieren. Mein Vorschlag ist: anstelle von einem „Special Characteristic“ zum Beispiel von einem „Especial Characteristic“ zu sprechen, um die Doppeldeutigkeit zu umschiffen.
  • Unglückliche Beispielzeichnung im Band: Die verwendete Zeichnung des Zylinderkopfs enthält ein anderes „Zeppelin-Symbol“ als das, welches der VDA in seinem Heft selbst vorschlägt. Daher sehe ich die Durchgängigkeit der vermittelten Information nicht wirklich gewährleistet und möchte darauf hin wirken, dass dieses Beispiel in einer folgenden Ausgabe überarbeitet werden sollte.
  • Keine Umschlüsselungen vorhanden: In dem vorliegenden Band fehlen nach meiner Meinung die Beziehungen zu den bisher verwendeten Kategorien der OEM. So gibt es leider keinerlei Hinweise darauf, wie die bisher von den OEM verwendeten Buchstaben und Symbole zu den vom VDA vorgeschlagenen Einteilung passen könnten. Eine solche Umschlüsselung in Tabellenform würde sicherlich vielen geneigten Anwendern die Umsetzung im Arbeitsalltag deutlich erleichtern. Und auf den möglichen Einwand, dass die Tabelle vielleicht nicht lückenlos sein könnte, kann ich vorweg erwidern: Dann doch lieber eine Tabelle, in der ich 90% der notwendigen Informationen finde als gar keine Information.
  • Abgrenzung zu den ASIL Leveln fehlt: Ein letzter Kritikpunkt soll an dieser Stelle noch aufgenommen werden. Die Abgrenzung der Besonderen Merkmale zu den in der ISO 26262 definierten ASIL Leveln fehlt leider vollständig. Hier wäre es sicherlich sehr sinnvoll, eine Harmonisierung bzw. Abgrenzung zur ISO 26262 deutlich zu machen, so dass bei der Verwendung der unterschiedlichen Vorgehensweisen auch eine Hilfestellung für den Arbeitsalltag entstehen würde. Mein Vorschlag ist daher: ASIL Level für die Funktionen und elektronische Komponenten verwenden und die BM für mechanische Produktmerkmale reservieren. So würden sich die beiden Vorgehensweisen auch nicht in die Quere kommen und genau so hat es sich in meiner beruflichen Praxis bisher durchaus auch bewährt.

Als Fazit lässt sich aus dem Blickwinkel des praktischen Anwenders sagen, dass der neue Blau-Goldband des VDA zu den Besonderen Merkmalen eine gute Grundlage ist, die im Sinne des KVP noch ausbaufähig ist. Anregungen, andere oder ähnliche Meinungen zu diesem Artikel können auch gern als Kommentar veröffentlicht werden - ich freue mich über regen Austausch.

Autor:
Jörg Schacht, Inhaber der i-Q Schacht & Kollegen Qualitätskonstruktion GmbH

Quellenangaben:
VDA: Blau-Gold Band „Prozessbeschreibung Besondere Merkmale (BM)“, 1. Auflage 2011
Hinweis: Der Band kann über VDA-QMC bezogen werden (es handelt sich bei dem Link auf dieser Seite um einen Link auf eine externe Seite, für welche die i-Q Schacht & Kollegen GmbH nicht verantwortlich ist).