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Ist eine Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse (Failure Modes and Effects Analysis) ein universelles Werkzeug im QM-Bereich?

Jörg Schacht: Gedanken eines Moderators oder "Die Schrecken der FMEA!"

Der FMEA-Moderator stellt in diesem Beitrag seine persönlichen Thesen vom Sinn und Unsinn im Einsatz der FMEA vor - wie gewohnt in Klartext.

"Zunächst möchte ich ganz deutlich sagen, dass ich ein absoluter Fan und Befürworter der FMEA bin und das nun auch schon seit mehr als 20 Jahren umsetze. Aber es gibt so einige Themenbereiche, die mir als FMEA-Moderator nicht so ganz geheuer sind. Davon würde ich in diesem Artikel gerne zwei Aspekte ein weniger näher beleuchten.

  1. Die "Alles-rein-in-die-FMEA-Fanatiker"

    Mehr als ein Jahrzehnt (Mitte der Neunziger bis Mitte des letzten Jahrzehnts) hat es gedauert, bis sich die FMEA von einem belächelten Pflänzchen ("...schon wieder was Neues, aber auch das werden wir aussitzen können...") zu einem stattlichen Baum entwickelt hat. Schon kommen in den letzten Jahren immer wieder ganz neue Anforderungen auf die FMEA zu. In dem Moment, in dem Unternehmen bzw. seine Mitarbeiter erkennen, dass es sich bei der FMEA um ein Erfolgsmodell handelt, an dem heute keiner mehr vorbei kommt, versucht man auf den fahrenden Zug aufzuspringen, um dabei zu sein. So weit, so unkritisch.

    Aber jetzt wird die nächste Stufe der Inbeschlagnahme gezündet:

    • Wenn es doch mit der Maßnahmenverfolgung in der FMEA so gut klappt, warum sollte ich dann nicht auch die anderen Maßnahmen aus dem Projekt über die FMEA verfolgen?
    • Und auch das mit den Gruppensitzungen - das könnten wir doch eigentlich auch über die FMEA koordinieren!
    • Problemlösung in der Produktion: Wie häufig habe ich mittlerweile schon ähnliche Sätze gehört wie "Wir haben da jetzt seit fast 2 Wochen ein massives Problem in der Fertigung. Kannst Du bitte zu einer FMEA-Sitzung zu diesem Thema einladen?"

     

    Das ist ja alles ganz schön und vielleicht auch sogar gut. Aber das hat mit dem Grundgedanken der FMEA überhaupt nichts mehr zu tun! Die FMEA ist kein Projektsteuerungstool und auch kein Problemlösungswerkzeug. In der FMEA wird (hauptsächlich bei absolut neuen Produkten und Prozessen) darüber nachgedacht, welche möglichen (potentiellen) Fehler auftreten könnten und was im Vorfeld dagegen gemacht werden kann. In dem Moment, in dem ich ein konkretes Problem vorliegen habe, ändert sich aber die Fragestellung komplett! Jetzt wird nach der unbekannten Ursache für das Problem gefahndet und nicht mehr nach möglichen Fehlern. Und dafür gibt es weitaus besser geeignete Methoden als die FMEA (zum Beispiel die Ursachenanalyse von Kepner & Tregoe).

  2. Die RPZ der "Formblatt-Junkies"

    Häufig sind es die FMEAs, die mir negativ auffallen, die mit dem Grundgedanken der FMEA (BxAxE=RPZ) überhaupt nichts mehr zu tun haben. Von anderen Vertretern werden solche Leute auch abschätzig als "Formblatt-Junkies" bezeichnet. Ich bekenne mich gerne dazu, dass ich eine starke Zuneigung zum dem uralten FMEA-Formblatt pflege und aus deren Sicht sicherlich ein solcher "Formblatt-Junkie" bin! Für mich ist einfach ein zentrales Element einer FMEA die Bewertung der 3 Parameter (Bedeutung / Auftretenswahrscheinlichkeit / Entdeckungswahrscheinlichkeit) sowie die Verrechnung der Parameter zur RPZ (Risko-Prioritäts-Zahl).

    In meinen nunmehr über 20 Jahren Kontakt zur FMEA habe ich in den letzten Jahren immer wieder festgestellt, dass riesige Netze (Struktur / Fehler) in den FMEA-Programmen aufgebaut werden, extrem viel Arbeit in die Beschaffung von Informationen investiert wird und sich die Beteiligten bei der ganzen Arbeit zum Teil auch ziemlich wohl fühlen.Aber... wenn ich dann die Frage stelle: "Zeigt mir doch bitte mal eure Ergebnisse in zusammengefasster Form im FMEA-Formblatt!", dann wird es meist ziemlich still im Raum. Dann sehe ich teilweise recht merkwürdige Zusammenstellungen von Informationen, die mit dem Grundprinzip der FMEA aber auch wirklich gar nichts mehr zu tun haben. Angeblich sind alle Informationen vorhanden, aber die entsprechenden Spalten im Formblatt bleiben einfach leer. Dann kommt der Hinweis, dass man sich wohl auf der falschen Ebene bewegen würde. Aber selbst nach der Änderung der Ebene bleiben die Spalten so leer wie zuvor.

    Damit wird jedoch die ganze Arbeit "ad absurdum" geführt! Ich bin der Meinung, dass wir sicherlich über die Aussagekraft einer RPZ oder einer beliebigen Kombination der Werte B, A und E reden können. Aber ohne die Bestimmung der einzelnen Faktoren ist es keine FMEA mehr und die Aussagekraft sowohl zu den Risiken als auch zu den Prioritäten geht irgendwie "den Bach runter"!

Meine Forderungen zum Einsatz der FMEA lauten:

  • Macht mit der FMEA, wozu sie entwickelt worden ist: Präventive Überlegungen bei neuen Produkten und Prozessen zu den möglichen Fehlern und deren Ursachen!
  • Betrachtet damit Mechanik und Hardware und versucht mit FMEA nicht Aufgaben zu lösen, für die es deutlich bessere Werkzeuge gibt!

Denn natürlich kann ich auch mit einer Bohrmaschine einen Nagel in die Wand schlagen, aber ..."


Anregungen, andere oder ähnliche Meinungen zu diesem Artikel können auch gern als Kommentar veröffentlicht werden - ich freue mich über regen Austausch.

Autor:
Jörg Schacht, FMEA-Moderator, QM-Trainer und Functional Safety Manager (AFSE); Inhaber der i-Q Schacht & Kollegen Qualitätskonstruktion

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